Erfahrungen bei der Übersetzung botanischer Texte

Ophrys lutea x speculum, F-Montagne de la Clape 13.4.01 Ophrys lutea x speculum, F-Montagne de la Clape 13.4.01

Die französische, spanische oder italienische Sprache habe ich nie erlernt, doch manchmal benötige ich zumindest teilweise Übersetzungen von Artikeln aus fremdsprachigen Orchideenpublikationen. In letzter Zeit bestand besonders Bedarf an Übersetzungen französischsprachiger Arbeiten, z.B. aus L'Orchidophile oder Naturalistes Belges.

Da aber die komplizierten Strukturen gewachsener Sprachen nicht in einfache Regeln zu fassen sind, stellen perfekte Übersetzungen auch heute noch ein großes Problem für Computer und deren Programmierer dar. Meine bisherigen Erfahrungen lassen sich in fünf Kapiteln schildern:

  1. Die erste Idee, den im Internet bei Altavista schon länger kostenlos zur Verfügung stehenden Übersetzungsservice (Babelfisch) zu benutzen, war damals wider Erwarten nicht die Lösung aller meiner Übersetzungsprobleme. Die Übersetzung vom Französischen ins Deutsche ist verfügbar, aber Spanisch und Italienisch kann man nur ins Englische übersetzen. Bei direkter Eingabe lassen sich nur 150 Wörter am Stück übersetzen, bei der Übersetzung von Internet-Seiten sind Längen bis etwa 5 KByte möglich.
    Doch ich musste die Erfahrung machen, dass in langen, aus vielen durch Komma oder Strichpunkt getrennten Teilen bestehenden Sätzen, wie sie besonders bei Artbeschreibungen vorkommen, Adjektive und Adverbien von der Übersetzungs-Software oft in weit entfernte Satzteile verschleppt werden, wodurch sinnentstellte Übersetzungen entstehen.
     
  2. Aus dieser Erfahrung heraus benutzte ich eine Zeit lang nur noch eine Wort-für-Wort-Übersetzung (Ersetzung), die den originalen Satzbau ungeändert lässt. Auf diese Weise entstehen zwar sehr eigenartig klingende Sätze, aber der Inhalt ist meist verständlich. Falls eine druckreife Übersetzung benötigt wird, muss diese dann noch manuell ausgeführt werden, was eine recht zeitaufwendige Arbeit ist.
    Als (Üb-)Ersetzungs-Werkzeug benutzte ich zuerst TOLKEN99, eine schwedische Shareware, die 30 Tage lang kostenlos getestet werden darf. (In den letzten Monaten gab es zeitweise Probleme mit diesem Link, das Programm kann aber bei verschiedenen Distributoren vom Internet geladen werden, meist ohne die ohnehin nicht sehr umfangreichen deutschen Sprachbibiotheken, diese könnte ich per EMail zur Verfügung stellen, wenn sie anders nicht zu bekommen sind). TOLKEN99 ersetzt in zwei Schritten: zuerst Phrasen, also Kombinationen von mehreren Wörtern, die manchmal eine andere Bedeutung als die einzelnen Wörter haben; danach den dann noch nicht übersetzten Rest Wort für Wort, soweit die Wörter in der Bibliothek vorhanden sind.
     
  3. Orchis mascula x pauciflora, I Assisi, Monte Subasio 17.5.05 Orchis mascula x pauciflora, I Assisi, Monte Subasio 17.5.05

  4. Der nächste Schritt war, den Ersetzer selbst zu programmieren, um verschiedene Dinge besser auf meine Anforderungen anzupassen. Arbeitsgänge, die ich vorher manuell zu erledigen hatte, wurden nun automatisiert, z.B. die richtige Behandling großgeschriebener Substantive, die im Deutschen im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen nun mal üblich sind, von TOLKEN99 aber nicht unterstützt werden. Schon vor der Übersetzung werden gewisse Umformungen vorgenommen, die speziell bei der französischen Sprache verhindern, dass die Wort-Bibliothek unnötig anwächst (z.B. Abtrennen von vor beliebigen Wörtern stehenden mit Apostroph verkürzten Prefixes, wie z.B. "l'origine"). Viele von mir derzeit nicht benötigte, zum Teil aufwendig zu programmierende Fähigkeiten des TOLKEN99 habe ich weggelassen. Dafür habe ich die Software so erweitert, dass auch Schwächen meines Flachbettscanners und des Texterkennungsprogramms schon zu einem gewissen Teil automatisch repariert werden.
    Das Hauptproblem sind wie bei TOLKEN99 die Wortbibliotheken. Die französisch-deutsche habe ich mit viel Fleiß auf einen brauchbaren Stand gebracht, sowohl beim allgemeinen Wortschatz, als auch bei den orchideenspezifischen Fachbegriffen. Mit den spanischen und italienischen Bibliotheken stehe ich aber noch ganz am Anfang.
     
  5. Der Google Übersetzungsservice scheint zwar auf derselben Basis wie der oben genannte Altavista Übersetzungsservice aufgebaut zu sein, d.h. er erzeugt dieselben prinzipiellen Satzstrukturen, bringt aber für manche Wörter kontextabhängig andere, meist passendere Übersetzungen. Viele Fachbegriffe fehlen leider noch im Wortschatz. Wie bei Altavista ist die Übersetzung vom Französischen ins Deutsche verfügbar, aber Spanisch und Italienisch kann man nur ins Englische übersetzen. Bei direkter Eingabe kan man nur kleine Textmengen eingeben, doch die Übersetzung von Internet-Seiten bis zu 10 KBytes Länge funktioniert gut. Deshalb stelle ich längere Texte zum Übersetzen kurzzeitig ins Internet, im Fall von 'Naturalistes Belges'-Aufsätzen in Stücken von etwa 130 Zeilen.
     
  6. Zur Zeit kombiniere ich das Ergebnis des Google Übersetzungsservice, der bei vielen Wörtern, die mehrere Bedeutungen haben, kontextabhängig oft schon die richtige Übersetzung wählt, und bei einfachen Sätzen auch die Wortstellung gutem Deutsch schon annähert, mit dem Ergebnis meines selbstprogrammierten Ersetzers, der die originale Zuordnung der Satzteile liefert, und dem ich auch laufend die Übersetzungen weiterer Vokabeln eingebe. Bei der manuellen Nachbearbeitung, die nach wie vor unverzichtbar ist, bekomme ich danach mit vertretbarem Aufwand treffende und gut formulierte Übersetzungen.

Falls jemand eine noch bessere, möglichst kostenlose Methode gefunden hat, weitgehend fehlerfreie Übersetzungen botanischer Texte zu erstellen, wäre ich dankbar für einen Hinweis per E-Mail (bitte die Adresse abschreiben, wegen der SPAM-Robots)

 
 
Inhalt Rev.: 9.Jan.2002
 
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